Das Institut National du Cancer (INC) ist Luxemburgs nationales Krebsinstitut. Es wurde 2015 im Rahmen des Ersten Nationalen Krebsplans gegründet und hat seinen Sitz in Strassen. Das INC koordiniert die landesweite Organisation der Onkologie, entwickelt Behandlungsleitlinien und setzt sich für Zertifizierungen zur Verbesserung der Versorgungsqualität ein. Des Weiteren organisiert es multidisziplinäre Tumorkonferenzen für seltene Krebsarten, unterstützt die Umsetzung personalisierter Medizin und fördert die Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Forschungseinrichtungen im Kampf gegen den Krebs.
Health Bells sprach mit INC-Direktor Dr. Nikolai Goncharenko über die Hauptaufgaben und Ziele des Instituts, dessen Beteiligung am aktuellen Zweiten Nationalen Krebsplan, die Unterstützung der Krebsforschung und Initiativen zur Einbindung von Patienten zur Verbesserung der Patienteninformation sowie die Unterstützung der Krebsprävention, -behandlung und -nachsorge.
Dr. Nikolai Goncharenko, was sind die Hauptaufgaben des Nationalen Krebsinstituts?
Das Nationale Krebsinstitut ist die zentrale Einrichtung in Luxemburg, die sich mit dem Kampf gegen Krebs befasst. Es wurde gegründet, um die Umsetzung nationaler Krebsstrategien, wie etwa den Nationalen Krebsplan zu unterstützen. Zu diesen Strategien gehören u. a. die Förderung gesunder Lebensweisen und Aufklärung zur Risikovermeidung, zudem die Organisation nationaler Programme zur Krebsfrüh erkennung, die Zusammenarbeit mit dem Nationalen Krebsregister zur Erfassung und Auswertung von Krebsdaten, die Entwicklung und Empfehlung von Leitlinien für eine hochwertige Krebsbehandlung und die Verbesserung der Patienteninformation und -betreuung sowie deren Rechte im Gesundheitssystem. Das INC fördert die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen und Gesundheitsbehörden, um eine strukturierte und standardisierte Versorgung von Krebspatienten sicherzustellen. Das Institut dient als Diskussionsplattform für viele dieser Aktivitäten.
„Das INC dient als Diskussionsplattform für alle Themen rund um Krebs.“
Das INC hat den rechtlichen Status eines gemeinnützigen Vereins, der sich aus Hauptakteuren der Krebsversorgung sowie der Zivilgesellschaft, vertreten durch Krebsverbände und -stiftungen zusammensetzt und im Auftrag des Gesundheitsministeriums tätig ist. Das Institut zählt derzeit sieben feste Mitarbeiter, ergänzt durch fünf projektgebundene Kräfte, die das gesamte Spektrum der Tätigkeit abdecken. Derzeit laufen Beratungen zur Umwandlung des INC in eine öffentliche Einrichtung. Dies wird seine strategische Handlungsfähigkeit deutlich erweitern, um Krankenhäuser und weitere Akteure im Gesundheitswesen bei der Planung und praktischen Umsetzung notwendiger Veränderungen und Fortschritte zu begleiten.
ZUSTÄNDIG FÜR KOORDINATION UND ORGANISATION
Und wer sind diese Akteure?
Unsere Mitglieder, die vier Krankenhäuser des Landes, das CHL (Centre Hospitalier de Luxembourg), die HRS (Hôpitaux Robert Schuman), das CHEM (Centre Hospitalier Emile Mayrisch) und das CHdN (Centre Hospitalier du Nord), das Centre François Baclesse, die SLO (Société Luxembourgeoise d’Oncologie), der Service national d’information et de médiation dans le domaine de la Santé, die Fondation Cancer Luxembourg und die Fondatioun Kriibskrank Kanner. Das Gesundheitsministerium hat einen Beobachterstatus beim INC.
Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen diesen Akteuren aus?
Die Idee 2015 war, dass das INC als nationale Referenzstelle für alle onkologischen und krebsrelevanten Fragen dienen wird. Unsere Hauptaktivitäten bestanden deshalb am Anfang in der Gründung von thematischen Arbeitsgruppen, insbesondere zur Ausarbeitung von nationalen Leitlinien (référentiels) und Patientenpfaden (parcours de patients) zur Behandlung diverser Krebsarten. Die sogenannten „RCP (Réunions de concertation pluridisciplinaires) nationales“, also die nationalen Tumorkonferenzen für seltene Krebsarten oder solche mit schlechter Prognose haben wir auf nationaler Ebene angegliedert, während die häufiger vorkommenden Krebsarten von lokalen „RCP hospitaliers“ in den jeweiligen Krankenhäusern besprochen werden.
Betreibt das INC auch Forschung?
Nein, wir sind ausschließlich zuständig für Koordination und Organisation. In Luxemburg gibt es andere Einrichtungen wie das LIH (Luxembourg Institute of Health) und das LISER (Luxembourg Institute of Socio-Economic Research), die Forschung betreiben. Die Universität Luxemburg macht nicht nur naturwissenschaftliche und biologische Forschung, sondern verfolgt auch seit einigen Jahren ein medizinisches Programm für Onkologie. Das INC arbeitet mit vielen dieser Einrichtungen zusammen zur Unterstützung der Forschung und neuerdings auch zur Förderung der Aus- und Weiterbildung.
STARKE INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
Wie sieht es mit der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene aus?
Das INC ist auch international gut vernetzt. Es beteiligt sich an verschiedenen europäischen Projekten wie den Joint Actions (EUnetCCC, JANE-2 und PCM) und arbeitet eng mit anderen Krebsinstituten sowie Organisationen wie die DKG (Deutsche Krebsgesellschaft), die OECI (Organisation of European Cancer Institutes) oder die ECO (European Cancer Organisation) zusammen. Dabei geht es vor allem, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Standards zu entwickeln und Luxemburgs Rolle in der europäischen Krebsbekämpfung zu stärken. Besonders wichtig ist dem INC auch, die Anliegen kleiner Mitgliedstaaten einzubringen und deren Perspektive in europäischen Gesundheitsfragen sichtbar zu machen. Durch die Beteiligung an europäischen Projekten bekommen das INC sowie dessen nationale Partner auch zusätzliche finanzielle Mittel von europäischer Seite. Über die nächsten vier Jahre machen das fast fünf Millionen Euro aus.
„Die Vernetzung von nationalen und internationalen Akteuren ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.“
Darüber hinaus hat das INC eine gute und intensive Zusammenarbeit mit klinischen Referenzzentren in anderen Ländern, z. B. mit der Universität Frankfurt für neurologische Tumore, dem CHU Liège für gynäkologische Onkologie und dem Institut Jules Bordet in Brüssel für die molekularen Tumorkonferenzen.
Was sind die konkreten Ziele des INC?
Es gibt mehrere Ziele. Dabei handelt es sich um die Entwicklung und Umsetzung von verschiedenen nationalen Krebsstrategien. Das INC hat sehr viel dazu beigetragen, um verschiedene Akteure zusammenzubringen, die vorher nicht so stark und intensiv zusammengearbeitet haben. Zurzeit arbeiten wir ebenfalls an der Integration von Akteuren, die in den Bereichen Forschung sowie Ausbildung und Weiterbildung tätig sind. Unsere große Herausforderung ist die Vorbeugung, Früherkennung, Versorgung und Nachversorgung von unterschiedlichen Krebserkrankungen. Hier möchte ich aber erwähnen, dass Vorbeugung und Früherkennung auf nationaler Ebene im Zuständigkeitsbereich der Direction de la Santé liegen. Das INC berät die Direction de la Santé in Fragen betreffend Leitlinien, sogenannte „Best Practices“, bei der Früherkennung bestimmter Krebsarten. Bei manchen dieser Fragen spielen nicht nur die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch Kosten und verfügbares Budget eine wichtige Rolle.
WOHIN MIT DER GESUNDHEITSÖKONOMIE?
Verfügt das INC demnach auch über eine Kompetenz im Bereich Gesundheitsökonomie?
Nein, die ökonomische Evaluierung ist eine Kompetenz, die wir beim INC momentan noch nicht haben. Das Konzept der ökonomischen Begutachtung von Produkten und Dienstleistungen im Gesundheitsbereich, die auf die sogenannte „Value-Based Healthcare“ abzielt, kommt immer öfter in vielen Ländern zur Diskussion, und die Gespräche darüber, wie es umgesetzt werden könnte, haben auch in Luxemburg bereits begonnen.
Welche Projekte und Initiativen fördert das INC noch?
Wir arbeiten sehr intensiv an Projekten in den Bereichen Zertifizierung und Qualität mit allen Krankenhäusern zusammen mit dem Ziel, die Versorgungsqualität für Patienten und ihre Familien, aber auch die allgemeinen Rahmenbedingungen für Pflegekräfte und medizinisches Fachpersonal zu verbessern. Zurzeit gibt es bereits zwei zertifizierte onkologische Zentren in Luxemburg, das Prostatakrebszentrum bei den HRS und das Brustkrebszentrum im CHL. Des Weiteren arbeiten wir am Aufbau des ersten landesweiten Netzwerks für Lungenkrebs. Hervorheben möchte ich die maßgebliche Unterstütung der HRS, die derzeit die Rolle der ersten Leitung des Netzwerks übernommen haben. Zudem ist der Aufbau eines nationalen Netzwerks für gynäkologische Krebserkrankungen, unterstützt durch europäische Fördermittel, vorgesehen.
Eines der Ziele des INC ist „zu einer effizienten Krebsbekämpfung beizutragen“. Was bedeutet das genau?
Das bedeutet Qualitätsoptimierung z. B. durch Standardisierung von Patientenpfaden und Leitlinien, wie Patienten versorgt werden sollen. Darüber hinaus umfasst dies die Förderung der Prävention und Früherkennung, die Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Fachärzten und zwischen Krankenhäusern, die Stärkung der onkologischen Weiterbildung, die Nutzung digitaler Lösungen zur besseren Datennutzung und -vernetzung sowie die aktive Einbindung von Patienten in Entscheidungsprozesse. Effizienz bedeutet in diesem Zusammenhang auch, Mehrfachuntersuchungen zu vermeiden, Ressourcen gezielt einzusetzen und durch klare nationale Strategien messbare Fortschritte in der Krebsbekämpfung zu erzielen.
Das INC will u. a. zur Eindämmung der Gesundheitsausgaben im Bereich Krebsmedizin seinen Beitrag leisten. Auf welche Weise kann es sich hier einbringen?
Das INC ist derzeit an der Ausarbeitung des Kapitels „Les politiques de santé en cancérologie“ des künftigen Nationalen Krebsberichts beteiligt. In diesem Rahmen finden zurzeit Diskussionen zwischen Experten der zentralen Gesundheitseinrichtungen Luxemburgs statt. Dabei wurden bereits mehrere zentrale Fragestellungen und Handlungsfelder identifiziert. Um diese fundiert zu bearbeiten, müssen relevante Daten – u. a. von Krankenhäusern, dem nationalen Krebsregister (RNC), dem Nationalen Gesundheitsfonds (FNS), der Generalinspektion der Sozialen Sicherheit (IGSS) – analysiert werden. Dafür sind spezifische Fachkompetenzen und Ressourcen erforderlich, die weit über die Mittel hinausgehen, die dem INC derzeit zur Verfügung stehen. Um konkrete Lösungsansätze in diesem Bereich zu entwickeln, werden politische Entscheidungen von wesentlicher Bedeutung sein.
Derzeit ist das INC an der Umsetzung des „2e Plan National Cancer 2020-2024 beteiligt. Was genau ist hier dessen Aufgabe?
Der Plan wurde wegen der Covid-Pandemie um zwei Jahre bis 2026 verlängert. Die Gesamtkoordination des Plans sowie das Verlaufsmonitoring obliegt der Direction de la Santé. Der Plan enthält acht unterschiedliche Achsen mit jeweils mehreren Aktionen. Das INC koordiniert die erste Achse des Plans, insbesondere Fragen der Governance (Kontrolle) und Koordination.
Welchen direkten oder indirekten Mehrwert stellt das INC auf nationaler Ebene für die luxemburgischen Krankenhäuser dar?
Ein bedeutender Mehrwert ergibt sich für die luxemburgischen Krankenhäuser aus dem vom INC getragenen Projekt zur Entwicklung eines „Comprehensive Cancer Center“ (CCC) nach europäischem Vorbild. Ziel ist die enge Verzahnung von Klinik, Forschung und Weiterbildung in einem nationalen Netzwerk. Besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit zwischen der Fondation Cancer, der Fédération des Hôpitaux Luxembourgeois (FHL), der Direction de la Santé und dem LIH, die darauf ausgerichtet ist, die tatsächlichen Bedürfnisse von Krebspatientinnen und -patienten in den Mittelpunkt zu stellen.